Ein Landei in der Großstadt

 

Das Weiterbildungsseminar, für das ich in die Großstadt gekommen war, war zu Ende. Wie immer war viel heiße Luft produziert worden, wir hatten neue Erkenntnisse gewonnen, aber vor allem war ich froh, dass ich jetzt wieder nach Hause fahren konnte. Ich stieg also in die Straßenbahn, die direkt zum Bahnhof fuhr. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich in Bewegung.

 

Jedoch, irgendwie wurde es mir plötzlich zu eng in der Bahn. Ich war etwas früher gegamgem, so dass ich noch Zeit hatte; also beschloss ich bei der nächsten Station auszusteigen, um den Weg zum Bahnhof zu Fuß zurück zu legen. Als die Straßenbahn hielt, stieg ich aus und sah mich um: Es war ein warmer Herbsttag, die Sonne schien und es wehte ein lauer Wind. Ich überquerte die Straße und ging auf dem Bürgersteig in Richtung Bahnhof.

 

Allerdings war ich anscheinend in Klein-Istambul ausgestiegen: Neben einem Döner-Restaurant sah ich einen Ein-Euro-Shop und andere kleine Läden, wie man sie in einem türkischen Viertel findet. Langsam ging ich an der Hauptverkehrsader entlang in Richtung Bahnhof, überquerte einige kleine Seitenstraßen, die weniger befahren waren und in denen hohe Bäume standen. Eigentlich ganz ruhige Plätzchen so neben dem lauten Verkehrslärm der Straße. Jedoch, überall die hohen, mindestens vierstöckigen Häuser, mit oder ohne Balkon vor den Fenstern. Großstadt halt.

 

Inzwischen war ich fast am Bahnhof angekommen, und zum Abschluss von Klein-Istambul sah ich eine italienische Pizzeria. Also war ich denn endlich doch in Europa angekommen. Ich ging in den Bahnhof und bemerkte, dass mein Zug gerade abgefahren war. Anscheinend hatte ich mich zu sehr von der Umgebung und dem schönen Wetter ablenken lassen, anstatt wie ein Roboter geradeaus auf mein Ziel zuzustreben. Persönliches Pech!

 

Dennoch hatte ich keine Lust, auf den Gleisen auf und ab zu marschieren. Ich ging auf den Bahnhofsvorplatz, um zu sehen, wo ich mich vielleicht einen Moment hinsetzen und ein gemütliches Seminarbeendet-Bier trinken könnte.

 

In der Mitte des Platzes saßen die Trinker und die Obdachlosen in einer Gruppe zusammen und unterhielten sich. In einer anderen Stadt hatte ich einmal an einem Freitagabend beobachtet, dass sich ein Herr im Anzug zu so einer Gruppe gesellt und fürchterlich mit ihnen geschimpft hatte, weil sie da so herumsaßen und dem lieben Gott die Zeit stahlen. Damals war ich grinsend vorbeigegangen – es war schließlich keine schlechte Methode, seinen Frust über den Arbeitsstress loszuwerden. Vor allem, da ich annahm, dass die Obdachlosen sich bestimmt auch darüber gefreut haben, mal ihren Frust über die geschniegelten Herren, die über ihr Leben bestimmen, loszuwerden. Vielleicht ergab sich daraus ja für beide Seiten eine Bewusstseinserweiterung.

 

Auf der anderen Seite des Platzes sah ich ein spanisches Restaurant – warum nicht dort einkehren? Erst Klein-Istambul durchwandert, dann das italienische Restaurant gesehen, warum meinen kleinen Ausflug in das neue Deutschland nicht mit einem Bier beim Spanier beenden?

 

Ich trat in ein gepflegtes Restaurant ein und setzte mich an den Tisch. Neben den Getränken wurden auch Speisen angeboten, darunter spanische Tapas. Die waren nicht so teuer und die Namen klangen lecker, also bestellte ich sie mit dem Bier. Der spanische Wein war mir zu schwer, schließlich musste ich ja noch mit dem Zug nach Hause fahren.

 

Von meinem Sitzplatz aus konnte ich durch das Fenster auf den Bahnhofsvorplatz sehen: Direkt vor dem Fenster unterhielten sich ein Schwarzafrikaner und eine Dame mit asiatischen Gesichtszügen. Und im Hintergrund sah ich wieder die Gruppe mit den Trinkern, die sehr deutsch aussahen. Irgendwie fragte ich mich, warum man solche Gruppen selten mit Ausländern sah. Tranken Ausländer nicht? Oder wagten nur Nichttrinker die  Flucht und ließen die Trinker im Heimatland? Kümmerten sich die Deutschen mehr um die Flüchtlinge als um die Problemfälle der eigenen Nationalität? Oder stärkte Auslandserfahrung ganz einfach die Widerstandskraft gegen den Alkohol?

 

Oje, da fing ich doch glatt an zu philosophieren. Das war nicht gut. Vor allem, da mein Freund zu Hause auf mich wartete. Da ich eh schon zu spät war, beschloss ich, wenigstens den nächsten Zug zu erreichen und vielleicht noch etwas fürs Abendessen zu kaufen. Ich bezahlte und ging schnell zum Bahnhof.