Computerwissen und Praxis

 

Für eine Weiterbildung musste ich in die Hauptstadt fahren und mich dort an einem Ort einfinden, an dem ich noch nie gewesen war. Also googelte ich den Stadtplan an der angegebenen Adresse und beschloss, für die Busverbindung im Informationshäuschen am Bahnhof nachzufragen, wenn es denn so weit sei.

 

Am Tag des Unterrichts kam ich nur sehr schwer aus dem Bett, so dass ich ziemlich knapp vor dem Beginn des Seminars in der Hauptstadt ankam. Nachdem ich den Zielbahnhof erreicht hatte, begab ich mich deshalb sofort in das Informationshäuschen der Busgesellschaft und stellte mich in die Reihe der wartenden Personen. Es gab zwei Schalter, hinter den Glasscheiben saßen zwei sehr junge Damen und gaben Auskunft. Als der letzte Kunde vor mir zufrieden war und ging, wandte ich mich an die junge Dame: „Können Sie mir bitte sagen, wie ich in die Hintertupfingenstraße 85 komme?“

Die Dame tippte fleißig auf ihrer Computertastatur. Der Computer wollte anscheinend nicht so, wie sie es erwartet hatte. Sie schimpfte leise vor sich hin. Also meinte ich: „Wie wäre es mit google-maps?“

„Nein!“, antwortete sie, „Wir haben eine eigenes Programm! Aber mit dem kann ich leider keine Bushaltestelle zu ihrer Straße finden.“

Verzweifelt werkelte sie weiter an ihrem Computer herum, dann wandte sie sich an ihre Kollegin: „Weißt du, welche Haltestelle an dieser Adresse ist?“ Aber auch die Kollegin zuckte nur mit den Schultern.

Irgendwie überkam es mich auf einmal, da ich den kaufmännischen Bereich gewohnt war, und es rutschte mir heraus: „Also, wenn ich euer Ausbildungsleiter wäre, dann würde ich euch mal über die ganze Buslinien in der Stadt schicken!“

Der Herr neben mir, der gerade von der Kollegin beraten wurde, gluckste vergnügt.

Etwas säuerlich meinte die junge Dame: „In welchem Stadtteil liegt denn ihre Straße?“

Das hatte ich in google-maps gefunden und gab die richtige Antwort. Sie nannte mir daraufhin eine Buslinie und die entsprechende Haltestelle, an der ich abfahren könne, und ich verließ die Informationsstelle.

 

An der Haltestelle angekommen, suchte ich mir auf dem Linienplan eine Haltestelle an einer Straße heraus, die in der Nähe der gesuchten Straße lag und wartete auf den Bus. Nachdem ich diese Haltestelle erreicht hatte, stieg ich aus und nun nahm ich meinen Stadtplan zur Hand, um die Hintertupfingenstaße zu finden. Nach kurzem Nachfragen bei einer Fußgängerin fand ich sie auch.

Leider fing sie bei der Nummer 1 an, und als ich vor diesem ersten Haus stand, sah ich jetzt auch eine Buslinie, die ich hätte nehmen können, um etwas weiter oben in der Hintertupfingenstraße auszusteigen. Da ich aber nicht wusste, an welcher Haltestelle die Nummer 85 lag, beschloss ich, den Weg doch zu Fuß zurück zu legen.

 

Während meiner Wanderung durch ein ruhiges Vorstadtviertel musste ich an mein Studium in Paris denken. Dort wurden wir oft in Praktika oder zu Fallstudien in die Stadtviertel geschickt. Nach Anfangsängsten wegen der unbekannten Situation hatte ich eigentlich immer gute Ergebnisse erzielt und war hinterher immer sehr zufrieden gewesen.

Nach dem Magister hatte ich an eine deutsche Uni gewechselt, und im Studiengang Psychologie hatten wir nur einmal eine Institution besucht, und dort, nachdem wir einen „Weichen Raum“ besichtigt hatten, in einem Sitzungssaal gesessen, um einer Schilderung der Problematik zuzuhören.

Als ich danach meinen Praktikumsbericht abgab, (Ich glaube, von dem ganzen Kurs waren überhaupt nur 6 Studenten gekommen!), lobte man mich, und meinte, ich wäre zumindest da gewesen.

 

Inzwischen war ich bei der Hausnummer 50 angekommen und atmete schon etwas schwerer. Na gut, meinen Tagessport hatte ich somit erledigt, und brauchte somit keinen hohen Beitrag für eine der Sportfabriken zu bezahlen, um mir dann die Kilometer auf einem Fließband in einem stickigen Raum abzurennen. Bei meinem erzwungenen Frühsport konnte ich grüne Bäume betrachten und bekam etwas von einem unbekannten Stadtteil mit.

 

Während der Weiterbildung kamen wir auch auf einige Gründe für einen Herzinfarkt zu sprechen. Unser Lehrer, ein Arzt, meinte, ein langweiliges Dasein in einem Büroraum ohne Ortswechsel könne auch ein Grund für Herzprobleme sein. Ich musste an meine beiden jungen Damen in dem Infohäuschen denken, die wohl auch, wenn sie wirklich in den Bussen mitfahren müssten, gesünder leben würden.